Russische Föderation

Die Zusammenarbeit in Forschung und Technologie ist eine wesentliche Säule der deutsch-russischen Beziehungen. Im April 2005 hatten beide Länder mit einer gemeinsamen Erklärung den weiteren Ausbau der erfolgreichen Zusammenarbeit auf diesem Gebiet beschlossen. Am 16. Juli 2009 wurde das Abkommen über wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit (WTZ) von 1987 novelliert. Um diese Partnerschaft nun weiter zu festigen, haben die deutsche Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan, und ihr russischer Amtskollege, Andrej Fursenko, das „Deutsch-Russische Jahr der Bildung, Wissenschaft und Innovation 2011/2012“ ausgerufen.

Fördermöglichkeiten für Russland


Politischer Rahmen der wissenschaftlich-technologischen Zusammenarbeit

Das WTZ-Abkommen wurde anlässlich der deutsch-russischen Regierungskonsultationen am 16. Juli 2009 auf Schloss Schleißheim bei München auf deutscher Seite von Bundesministerin Schavan und Staatssekretär Ammon (Auswärtiges Amt) sowie auf russischer Seite von Minister Fursenko in Anwesenheit der Bundeskanzlerin unterzeichnet. Es ersetzt das zwischen der Bundesregierung und der Regierung der UdSSR am 22. Juli 1986 geschlossene Abkommen über eine Zusammenarbeit auf wissenschaftlich-technischen Gebieten. Damit wird den Veränderungen Rechnung getragen, die sich zwanzig Jahre nach dem Ende der Sowjetunion in den Beziehungen beider Länder ergeben haben. Ziele der Zusammenarbeit mit Russland sind vor allem der Ausbau der Kooperationsbeziehungen zwischen Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Wissenschaftsorganisationen, die Intensivierung der bilateralen Zusammenarbeit im Bereich der innovationsorientierten angewandten Forschung zwischen deutschen und russischen Unternehmen, der Austausch junger Wissenschaftler/innen sowie die Förderung gemeinsamer Forschungs- und Innovationsstrukturen.

Am 11. April 2005 hatten der damalige Bundeskanzler Schröder und Präsident Putin in Hannover die "Gemeinsame Erklärung über die deutsch-russische Strategische Partnerschaft in Bildung, Forschung und Innovation" unterzeichnet, die auf dem vorangegangenen "Präsidentenprogramm" von Bundeskanzler Kohl und Präsident Jelzin aus dem Jahre 1998 aufbaut.

Diese gemeinsame Initiative, die vom BMBF koordiniert wird, bündelt unter Einbeziehung von Wissenschaft, Bildung, Wirtschaft und Öffentlicher Verwaltung die gemeinsamen Aktivitäten in drei Säulen:

  • Forschung und Innovation (Partner: BMBF und Russisches Ministerium für Bildung und Wissenschaft), 
  • Fortbildung und Qualifikation von Führungskräften in Wirtschaft und Verwaltung (Partner: BMWi und Russisches Ministerium für Wirtschaftsentwicklung und Handel) 
  • Weiterqualifizierung von Führungskräften des Öffentlichen Dienstes (Partner: BMI und russische Präsidialverwaltung).

Die Aktivitäten im Rahmen der Strategischen Partnerschaft sind vielfältig. Hierzu zählen nicht nur die Initiativen und direkten Maßnahmen beider Regierungen, sondern auch die Programme und Projekte der Bildungs- und Forschungseinrichtungen. Die zwischen Deutschland und Russland seit vielen Jahren bestehenden Fachvereinbarungen zur Zusammenarbeit in verschiedenen Forschungsbereichen sind ein wichtiges Instrument zur Umsetzung der Strategischen Partnerschaft. Die Zusammenarbeit wird inzwischen auch verstärkt auf die Themen der High-Tech-Strategie der Bundesregierung ausgerichtet.

Mit dem von der Gemischten deutsch-russischen Kommission für wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit im März 2009 verabschiedeten gemeinsamen Protokoll wurde der Weg für eine künftig noch intensivere Kooperation geebnet. Die deutsch-russische Zusammenarbeit in Forschung und Technologie ist jedoch auch ein unverzichtbarer Bestandteil des Petersburger Dialogs. Dieses Dialogformat wurde als offenes Diskussionsforum 2001 ins Leben gerufen und steht unter der Schirmherrschaft der deutschen Bundeskanzlerin und des russischen Präsidenten. Der Petersburger Dialog findet abwechselnd in Deutschland und Russland statt und soll den deutsch-russischen Beziehungen neue Impulse geben. Teilnehmer/innen am Dialog sind Vertreter/innen des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft mit Multiplikatorenfunktion.

Bundesministerin Schavan besuchte ihren Amtskollegen Fursenko im Oktober 2010. Ein wichtiges Thema war dabei das „Deutsch-Russische Jahr der Bildung, Wissenschaft und Innovation 2011/2012“. Die Gespräche hierzu wurden im Februar 2011 bei einem erneuten Besuch von Ministerin Schavan in Moskau fortgesetzt.

Schwerpunkte der Zusammenarbeit

Die vom BMBF geförderten nationalen Forschungsprioritäten finden ihren Niederschlag in den BMBF-Fachprogrammen. Auf russischer Seite sind die nationalen Forschungsschwerpunkte in den Föderalen Zielprogrammen 2007 - 2012 festgelegt. Der Vergleich der in den Programmen beider Länder benannten Forschungsschwerpunkte zeigt eine große Schnittmenge, aus der gemeinsame Interessen und ein hohes Potential zur bilateralen Kooperation resultieren. Diese Übereinstimmungen in den Forschungsinteressen Deutschlands und Russlands finden ihren Ausdruck in speziellen Fachvereinbarungen, die seit 1992 zu wichtigen Kooperationsschwerpunkten geschlossen wurden.

Entwicklung und Anwendung von beschleunigerbasierten Photonenquellen
Aufgrund der traditionellen Stärke deutscher und russischer Forschungseinrichtungen in diesem Bereich wurde mit der 2007 unterzeichneten Fachvereinbarung bekräftigt, künftig auf diesem Gebiet noch enger zusammenzuwirken. Schwerpunkte der gemeinsamen Kooperation sind neben der einschlägigen Grundlagenarbeit die Forschung unter Nutzung von Photonenquellen, die Anwendung der Ergebnisse der Photonenforschung in der Nanotechnologie und den Lebenswissenschaften und die Entwicklung von Synchrotronstrahlungsquellen und Freie-Elektronen-Lasern. Wie lebendig die Zusammenarbeit von deutschen und russischen Wissenschaftlern ist, zeigte sich anlässlich des „First Russian-German Workshop on the Develop-ment and Use of Accelerator-Driven Photon Sources” im Februar 2009 in Berlin. Neben der Einsetzung mehrerer Facharbeitsgruppen zur Formulierung bilateral interessanter Forschungsthemen vereinbarten beide Seiten, auch in der Forschungsförderung auf diesem Wissenschaftsgebiet künftig gemeinsame Initiativen zu entfalten.

Optische Technologien
Russland zeichnet sich durch  eine sehr gute Forschungsinfrastruktur im Bereich der optischen Technologien - allein drei Nobelpreisträger hat Russland auf diesem Gebiet aufzuweisen - aus. Seit Unterzeichnung der Fachvereinbarung haben deshalb viele deutsche Institute und Unternehmen russische Einrichtungen in vom BMBF geförderten Projekten in Unterauftrag genommen. Seit Abschluss der Fachvereinbarung sind nach diesem Modell ca. 150 Projekte durch das BMBF unterstützt worden. Insbesondere die Zusammenarbeit in den Bereichen Kurzpulslaser/FEMTONIK, optische Lithografie und Biophotonik hat wichtige wissenschaftliche Impulse gegeben. Im Bereich Laserforschung und Lasertechnik sind die gemeinsamen Erprobungs- und Beratungszentren (EBZ)  hervorzuheben. In St. Petersburg wurde im August 2009 das Dritte von insgesamt fünf gemeinsamen, deutsch-russischen Laserzentren im Rahmen einer gelungenen Veranstaltung mit geladenen Fachgästen aus Deutschland und Russland eröffnet. 2010 folgten weitere Zentren in St. Petersburg, Ekaterinburg (Ural), Rostov/Taganrog (südliches Russland) und Kaluga/Obninsk (südwestlich von Moskau). Alle Zentren sind in einem Netzwerk zusammengeführt. Das BMBF fördert 50% der Kosten auf deutscher Seite. Mit den EBZ sollen regionale Unternehmen, insbesondere KMU, aber auch Forschungseinrichtungen in Russland in die Lage versetzt werden, Verfahrensentwicklung sowie Ausbildung an moderner Lasertechnik aus Deutschland zu betreiben. Den deutschen Unternehmen bieten die EBZ alle Chancen eines erweiterten Marktzugangs in die Regionen.

Meeres- und Polarforschung
Die deutsch-russische Fachvereinbarung "Polar- und Meeresforschung" wurde 1995 unterzeichnet. Seitdem hat sich die gemeinsame Forschungsarbeit äußerst erfolgreich entwickelt. Aus der Vielzahl erfolgreicher Kooperationsprojekte im Bereich Meeres- und Polarforschung ist das 2001 gegründete deutsch-russische Otto-Schmidt-Labor (OSL) in St. Petersburg hervorzuheben. Diese deutsch-russische Forschungsinstitution ist angesiedelt am Institut für Arktis- und Antarktisforschung der Russischen Föderation und wird auf deutscher Seite getragen von der Stiftung Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Das Labor dient als Plattform für die Koordination und Weiterentwicklung der bilateralen Forschungsvorhaben und ist eine unverzichtbare Schnittstelle im Netzwerk der beteiligten Institute beider Seiten.
Ein weiteres Erfolgsbeispiel für die bilaterale Meeres- und Polarforschung ist das gemeinsame Projekt "Laptjew See". Hier werden sowohl marine als auch terrestrische Untersuchungen am Umweltsystem dieser für das Klima der nördlichen Hemisphäre wichtigen Permafrostregion durchgeführt.

Institutionell arbeiten Deutschland und Russland zudem bei der Durchführung des 2002 begründeten "Kooperativen Studiengangs für angewandte Meeres- und Polarforschung" (POMOR) zusammen. Im Rahmen von POMOR werden Studierenden – aufbauend auf den Disziplinen Ozeanographie, Biologie und marine Geowissenschaften – natur-, ingenieurs- und wirtschaftswissenschaftliche Aspekte vermittelt. Der Studiengang schließt mit einem Master of Science in angewandten Polar- und Meereswissenschaften ab. Seit Anfang 2010 wurde der Studiengang POMOR umstrukturiert. Ingesamt wurden im Studiengang bis Ende 2010 47 Studierende aus 10 Regionen Russlands zu hochqualifizierten Fachleuten ausgebildet.

Innovationsstrategien und Technologien für den nachhaltigen Umweltschutz und die rationelle Nutzung der natürlichen Ressourcen
Die Zusammenarbeit im Rahmen der 1992 getroffenen Fachvereinbarung "Gewässerforschung und Umwelttechnologien" hat sich erfolgreich entwickelt und wird von beiden Seiten als produktive und äußerst sinnvolle Kooperation empfunden. Daher wurde die Vereinbarung regelmäßig verlängert. Mit dem Ziel, die thematischen Schwerpunkte in Übereinstimmung mit den nationalen Prioritäten zu erweitern, wurde dabei der Titel der Fachvereinbarung zu  "Innovationsstrategien und Technologien für den nachhaltigen Umweltschutz und die rationelle Nutzung der natürlichen Ressourcen" modifiziert.
In den Kontext dieser Fachvereinbarung ist auch das vom BMBF initiierte Kooperationsformat „Dialogue for Sustainability with Russia“ (D4S Russia) einzuordnen. Ziel dieser Initiative ist die Definition von prioritären Handlungsfeldern zu nachhaltigen ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung, zur Ableitung von konkreten Forschungsthemen und zu deren bilateraler Umsetzung. Im Rahmen der Förderbekanntmachung „CLIENT – Internationale Partnerschaften für nachhaltige Klimaschutz- und Umwelttechnologien und –Dienstleistungen“ wurden Ideenskizzen für neue bilaterale F&E-Projekte eingereicht. Darüber hinaus wird BMBF 2011 zum Thema „Landmanagement“ voraussichtlich ein Projekt („SASCHA“) mit russischer Finanzierungszusage fördern..

Informations- und Kommunikationstechnologien
Im Februar 2005 wurde die Fachvereinbarung im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologien unterzeichnet und im März 2009 verlängert. Fachliche Schwerpunkte sind Parallel-Computing und Höchstleistungsrechnen, mathematische Modellierung, Software-Engineering, virtuelle und erweiterte Realität, Informationsverarbeitung nach biologischen Prinzipien, Wissensverarbeitung, Kommunikationsforschung und Gridcomputing sowie Internetmanagement und -anwendungen. 2010 wurde die Zusammenarbeit in diesem Bereich intensiviert. In der bilateralen Bekanntmachung zum gemeinsamem Förderwettbewerb des Internationalen Büros (IB) des BMBF und des Russischen Fonds für die Unterstützung kleiner innovativer Unternehmen (FASIE) wurde das Fachthema gesondert aufgegriffen.

Biologische Forschung und Biotechnologie
Deutschland und Russland betrachten die Kooperation auf dem Gebiet der Biotechnologie als wichtiges Instrument zur Beschleunigung der Innovationsdynamik in Industrie und Landwirtschaft. Beide Seiten haben im November 2009 Molekularmedizin, Systembiologie und Bioinformatik, Postgenomik und Proteomik sowie industrielle Biotechnologie als künftige Schwerpunkte der Zusammenarbeit vereinbart. Seit Beginn des Jahres 2011 übernimmt das Ost-West-Wissenschaftszentrum der Universität Kassel die Gesamtkoordination der deutschen Seite des durch das BMBF bis Ende 2013 geförderten Kooperationsverbundes Biotechnologie. Das Cluster Industrielle Biotechnologie (CLIB2021) stellt die Koordinierungsstelle für F&E-Kooperationen zwischen Unternehmen. Weitere deutsche Partner sind die Universität Bielefeld als Sprecher für den Bereich Bioinformatik und das Laser- und Immunologie-Forschungs-Zentrum (LIFE-Zentrum) der Universität München als Ansprechpartner für die medizinische Forschung. Partner auf russischer Seite ist das Ministerium für Bildung und Wissenschaft.

Nanotechnologien
Auf Initiative von Ministerin Annette Schavan und ihrem russischen Amtskollegen Andrej Fursenko wurde eine deutsch-russische strategische Arbeitsgruppe zur Nanotechnologie ins Leben gerufen. Hiermit tragen beide Seiten der besonderen Bedeutung Rechnung, welche der Nanotechnologie in der Forschungspolitik beider Länder zukommt. Die Expertengruppe besteht aus Repräsentanten von Universitäten, Forschungsinstituten und Unternehmen und soll Kooperationsfelder von gemeinsamem Interesse identifizieren. Auf dieser Basis werden beide Ministerien eine gemeinsame Nanotechnologie-Initiative erarbeiten. Das BMBF strebt eine Beteiligung mit einem eigenen Stand an der Internationalen Messe RUSNANOTECH 2011 an.

Höhepunkte der bilateralen Kooperation

Im Juli 2010 haben Ministerin Schavan und ihr russischer Amtskollege Minister Fursenko die Durchführung eines Deutsch-Russischen Jahres der Bildung, Wissenschaft und Innovation 2011/2012 beschlossen.

Das bilaterale Wissenschaftsjahr soll erfolgreichen bestehenden Kooperationen in beiden Länden eine höhere Sichtbarkeit verleihen. Darüber hinaus setzt die Initiative wichtige Impulse für zukünftige Forschungs- und Bildungskooperationen zwischen Deutschland und Russland. Die Regierungen beider Länder arbeiten gemeinsam mit den Akteuren aus Bildung, Wissenschaft und Forschung daran, die Potenziale der deutsch-russischen Zusammenarbeit voll auszuschöpfen. Auch Unternehmen werden in diesen Prozess einbezogen. Konkret bedeutet dies, dass beispielsweise durch den Ausbau der institutionellen Zusammenarbeit die Spitzenforschung gestärkt wird. Mit einer deutsch-russischen Ausbildungsinitiative wird der Aufbau bilateraler Berufsbildungspartnerschaften gefördert. Ferner sollen gemeinsame Innovationspartnerschaften die Überführung von Forschungsergebnissen in marktreife Produkte erleichtern. Schließlich setzen sich beide Seiten für eine stärkere Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ein.

Die deutsche Botschaft in Moskau hat in Zusammenarbeit mit BMBF, dem Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus (DWIH), dem russischen Ministerium für Bildung und Wissenschaft (MON), den Regionen Nischni Nowgorod und Nowosibirsk sowie dem Sibirischen Zweig der Russischen Akademie der Wissenschaften (SORAN) am 17./18. Juni 2010 in Nischni Nowgorod und am 23./24. Juni 2010 in Nowosibirsk deutsch-russische Konferenzen unter dem Titel „Innovationen in Hochschulen und Forschungseinrichtungen: Wege in die Wirtschaft“ ausgerichtet. Vorgestellt wurden Konzepte und Strategien zur Innovationsförderung an deutschen und russischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. An den Veranstaltungen nahmen über 200 zum Teil hochrangige Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Administration und Wirtschaft aus mehreren Regionen Russlands teil.
Ein erfolgversprechendes Beispiel für bilaterale Forschungsaktivitäten ist die eng abgestimmte Mitwirkung Deutschlands und Russlands bei Entwicklung und Bau international bedeutender Großgeräte. So sind beide Länder aktive Partner bei der Finanzierung und Realisierung des Freien-Elektronen-Lasers im harten Röntgenbereich (XFEL) am DESY im Hamburg sowie der Beschleunigeranlage für die Hadronen- und Kernphysik (FAIR) am GSI in Darmstadt.

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